Heuerlingswesen, Leinengewerbe und Wanderarbeit im 19. und 20. Jahrhundert

Im BauernhausMuseum vom 1. Februar bis 20. Dezember 2020

»Wirft man die Blicke in die Heuerlingswohnungen, so siehet man gleichsam geräucherte, schwarze und niedrige, ungesunde Locale, in welchen man abgezehrte, bleiche Gesichter halb satter und halb verhungerter um die allernothwendigsten Bedürfnisse kämpfender Mitmenschen vorfindet.« – So heißt es in einer Beschreibung von 1847 aus Jöllenbeck (Bielefeld). Ähnliche Schilderungen über dürftigste Lebensbedingungen sind aus dem 18. und 19. Jahrhundert vielfach überliefert. 

Im 18. und 19. Jahrhundert gehörte das Ravensberger Land zu den am dichtesten besiedelten Gebieten Nordwestdeutschlands. Die vielen Menschen mussten irgendwo wohnen. So wurde auf den Bauernhöfen eine große Zahl von Mietshäusern für zwei Familien gebaut, die man Heuerlingshäuser und deren Mieter man Heuerlinge nannte. Je nach individueller Vereinbarung erbrachten die Heuerlinge ihre Miete, die »Heuer«, durch Arbeitsleistung beim Bauern oder durch Geldzahlung. Die Heuerlinge bestritten ihren Lebensunterhalt zum Teil mit landwirtschaftlicher Arbeit, aber auch mit der Herstellung von Textilien aus Leinen. Sie konnten um 1800 meist gut davon leben, trotzdem waren ihre Lebensbedingungen immer prekär und manche Heuerlinge standen immer an der Schwelle zur Armut. Aus vor Ort angebautem Flachs produzierten die Frauen und Männer gröberes und feineres Leinen – besonders in Heepen, Jöllenbeck und Schildesche. Die Bielefelder Kaufleute exportierten diese Textilerzeugnisse dann in weite Teile Europas und darüber hinaus nach Übersee. Für die damalige Zeit waren viele der Heuerleute sehr mobil. Sie verdingten sich als Wanderarbeiter, zunächst nicht selten in Holland, später beim Bergbau im Ruhrgebiet. Besonders in den Jahrzehnten nach der aus Sicht der ärmeren Bevölkerung gescheiterten »Revolution« von 1848 wanderten viele nach Amerika aus. 

Die Entstehung der vielen Heuerlingshäuser um 1800 hatte eine wichtige Voraussetzung: die Markenteilungen. Dabei handelte es sich um eine Landreform, die seit 1769/71 die wohlhabenden Bauern noch wohlhabender machte. Auf großen Höfen entstanden nicht selten fünf oder mehr Heuerlingshäuser. Ein Beispiel hierfür ist der Hof Meier zu Olderdissen, zu dem unter anderem »Olderdissens Kotten« gehörte, der heute Bestandteil des BauernhausMuseums ist.